Euböa — Griechenlands vergessene zweitgrößte Insel
22. Mai 2026
Euböa (griechisch Evia) ist die zweitgrößte Insel Griechenlands — 3.657 km², damit nach Kreta auf Platz zwei, etwa so groß wie Rhodos und Kos zusammen. Trotzdem kennt sie kaum jemand, der nicht selbst dort war. Der Grund: Sie liegt nicht weit weg, sondern unmittelbar vor dem Festland — an der engsten Stelle bei Chalkis ist der Euripos-Kanal nur etwa 40 Meter breit, zwei Brücken verbinden die Insel mit dem Festland. Für die Tourismusindustrie war das nie spannend genug, um große Pauschalanlagen hinzustellen.
Für Reisende ist das ein Vorteil. Wer einen Flug nach Athen hat, ist mit dem Mietwagen in etwa 1,5 Stunden auf Euböa. Wer dort hinfährt, findet eine eigentlich entspannte Insel mit ordentlichem Wandernetz, eigenen Bergdörfern, langen Stränden ohne Liegestuhlreihen — und einer Größe, die genug Substanz für eine ganze Woche bietet.
Landschaft
Die Insel zieht sich rund 175 km Nord-Süd in die Länge und ist durchgehend von einem Gebirge geprägt. Höchste Berge:
- Dirfis (auch Dirphys): 1.745 m
- Ochi: 1.394 m
- Pyxaria: 1.341 m
Grob teilt sich die Landschaft in zwei Hälften: ein eher trockener Süden um Karystos und Marmari, und ein grünerer, wasserreicherer Norden mit dichten Wäldern. Das Wandernetz ist ordentlich ausgebaut, im Bereich des Dirfis gibt es Berghütten — gegenüber den ägäischen Inseln liegt der Vorteil im Schatten der Bergwälder, weshalb Wandern auch noch im Sommer einigermaßen funktioniert (Tipp: trotzdem morgens oder abends, mittags wird's auch hier sehr heiß).
Aidipsos im Nordwesten ist seit der Antike ein Thermalbad — die heißen Quellen werden seit über 2.000 Jahren genutzt, schon Aristoteles und Plutarch haben darüber geschrieben. Heute ist es ein eher altes Kurbad, kein Wellness-Resort.
Orte
Chalkis ist die Hauptstadt und liegt direkt am Euripos-Kanal — die Tide-Strömung dort ist eine geologische Kuriosität, sie wechselt mehrmals täglich die Richtung. Das Phänomen ist nicht endgültig erklärt; Aristoteles soll daran in seinen letzten Lebenstagen gegrübelt haben.
Weitere Orte mit eigenem Charakter: Karystos im Süden (venezianisches Kastell), Kymi an der Ostküste (Sprungbrett für die Fähre nach Skyros), Aidipsos (Thermalbäder), Aliveri, Limni. Die Insel war in der Antike ein wichtiges Handelszentrum und produziert bis heute reichlich Walnüsse, Olivenöl und Wein.
Skyros — über Kymi erreichbar
Die Insel Skyros gehört zwar zu den nördlichen Sporaden, aber die einzige reguläre Fährverbindung führt von Kymi auf Euböa aus. Wer Skyros besuchen will, plant das also über Euböa. Skyros ist klein (204 km²), hat Mythen rund um Achilles, eine eigene Pferderasse — die seltenen Skyros-Ponys mit nur etwa 110 cm Schulterhöhe — und die Grabstelle des englischen Dichters Rupert Brooke im Olivenhain.
Die Akropolis und das Kloster des Schutzheiligen Georgios stehen nach Erdbeben teilweise unter Sperrung. Größere Teile der Insel werden vom Militär genutzt, das hier einen Stützpunkt unterhält.
Alonissos — die andere Sporaden-Nachbarinsel
Alonissos ist zwar nicht direkt mit Euböa verbunden, aber im selben Sporaden-Cluster. Die kleine Insel (20 × 4,5 km, knapp 3.000 Einwohner) ist durch den Nationalen Meerespark Alonissos (gegründet 1992) bekannt, der dem Schutz der bedrohten Mönchsrobben dient. Wer dort hin will, fährt am ehesten über Skiathos oder Skopelos.
Die ehemalige Hauptstadt Chora liegt auf 250 m Höhe und wurde durch ein Erdbeben fast zerstört — aus den Ruinen sind ab 1965 wieder kleine Ferienhäuser entstanden, der Ort ist heute beliebt für Tagesausflüge wegen der Aussicht. Wirtschaftliches Zentrum ist seit dem Beben der Hafen Patitiri.
Für wen lohnt sich Euböa?
- Wer einen Athen-Trip um ein paar Strand- oder Wandertage erweitern will, ohne lange Fähre/Flug
- Mietwagen-Reisende, die Insel-Atmosphäre ohne Pauschaltrubel suchen
- Wanderer, die mehr als nur die üblichen Routen wollen
- Reisende mit Hund — keine Fähre nötig, die Insel ist per Brücke erreichbar
Für Pauschal-Strand-Urlaub eher unpassend; die Strände sind da, aber die Hotelinfrastruktur ist klein. Eine Übersicht großer Inseln steht im Beitrag zu den schönsten griechischen Inseln, weitere ruhige Ziele im Artikel zu Urlaubsorten, die kaum jemand kennt.