Die ostägäischen Inseln: Chios, Samos, Lesbos, Ikaria
22. Mai 2026
Die ostägäischen Inseln liegen direkt vor der türkischen Küste — die Entfernungen sind teilweise so kurz, dass man von den Stränden aus die Türkei sieht. Das prägt die Geschichte: über Jahrhunderte gehörten sie zu wechselnden Reichen, die Bevölkerung war lange gemischt, viele Inselgriechen haben kleinasiatische Wurzeln. Nach dem griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch 1923 wurde das Bild homogener, aber Spuren der osmanischen Zeit findet man noch in Architektur, Küche und Vokabular.
Touristisch ist die Region weniger erschlossen als Dodekanes oder Kykladen. Die größeren Inseln Lesbos und Samos haben Flughäfen mit regelmäßigen Verbindungen aus Athen und Thessaloniki, im Sommer auch Direktflüge aus Deutschland. Die kleineren Inseln sind per Fähre erreichbar.
Chios
842 km², rund 50.000 Einwohner, höchster Berg der Pelineo mit 1.297 m. Die Insel ist berühmt für Mastix — das Naturharz wird aus den Mastixsträuchern (Pistacia lentiscus var. Chia) gewonnen, die nur im Süden von Chios in dieser Qualität wachsen. Mastix wird in der Lebensmittelindustrie, Kosmetik und Medizin eingesetzt, traditionell auch beim Kaugummi. Die EU hat das Erzeugnis als geschützte Ursprungsbezeichnung anerkannt. Im Süden gibt es mehrere „Mastixdörfer" (Pyrgi, Mesta, Olympi), die in venezianischer Zeit zum Schutz der Produktion zu festungsartigen Siedlungen ausgebaut wurden.
Ob Homer tatsächlich in dem Inseldorf Pitios geboren wurde, ist nicht belegt — die Chiotes behaupten es seit Jahrhunderten. Sicher belegt sind dagegen die Philosophen Ion von Chios und Metrodoros, die hier wirkten. Die Insel ist seit über 5.000 Jahren durchgehend besiedelt.
Wirtschaftlich tragen heute neben Mastix auch Olivenöl, Wein und der Tourismus die Insel. Anreise per Fähre aus Piräus oder per Flug; in Chios-Stadt leben mehr als die Hälfte der Einwohner.
Samos
Mit 468 km² ist Samos kleiner als Chios, aber landschaftlich eindrucksvoller — das Kerketeus-Gebirge mit dem 1.433 m hohen Vigla ist eines der höchsten in der Ägäis. Strände sind überwiegend Kiesel, reine Sandstrände gibt es nur an einzelnen Stellen wie Votsalakia oder an der Ostküste.
Wer auf Samos antike Stätten besuchen will, hat ein dichtes Angebot:
- Das Heraion — eines der bedeutendsten Hera-Heiligtümer Griechenlands, schon im frühen ersten Jahrtausend v. Chr. ein Kultplatz, mit Resten eines monumentalen Tempels
- Der Tunnel des Eupalinos — ein 1.036 m langer Tunnel aus dem 6. Jh. v. Chr., der Wasser durch einen Berg leitete; gilt als eines der bedeutendsten Ingenieurbauwerke der Antike, weil er von beiden Seiten gleichzeitig gebaut wurde und sich in der Mitte trifft
- Reste der antiken Stadtmauer von Samos-Stadt (Vathy), römische Thermen, ein hellenistisches Gymnasium
Pythagoras stammt von Samos — der antike Geburtsort an der Südküste heißt heute Pythagoreio (früher Tigani), ein lebendiger Hafenort. Die heutige Inselhauptstadt ist dagegen Samos-Stadt (Vathy) im Nordosten. Die Insel hatte in der Antike viele Namen, von „der Blühenden" bis „der Pinieninsel" — Hinweise auf eine üppigere Vegetation als heute. Rund 42.000 Einwohner, gute Infrastruktur, Fähre und Flughafen.
Lesbos
Mit 2.154 km² die drittgrößte griechische Insel, rund 108.000 Einwohner, Hauptstadt Mytilene. Lesbos ist vielseitiger, als die meisten erwarten:
- Lange Sandstrände, vor allem im Süden
- Olivenanbau — Lesbos ist einer der größten Olivenölproduzenten Griechenlands
- Eines der bedeutendsten Versteinerten Wälder der Welt im Westen der Insel (UNESCO-Geopark) — Bäume aus dem späten Oligozän, durch vulkanische Aktivität versteinert
- Künstlerdorf Molyvos (offiziell Mithymna) im Norden mit byzantinischer Festung
- Töpferhandwerk in Mantamados, Folklore und enge Gassen in Agiassos
Literarhistorisch wird Lesbos vor allem mit Sappho verbunden — der ersten antiken Dichterin, deren Gedichte sich auch der Liebe zwischen Frauen widmeten; daher der Begriff „lesbisch". Die Bewohner nennen sich nicht „Lesbier", sondern Lesvonier oder Lesvioten.
Lesbos hat einen internationalen Flughafen, der von Athen und Thessaloniki regelmäßig angeflogen wird, dazu Fährverbindungen aus Piräus.
Ikaria
Ikaria gehört verwaltungstechnisch zur Region Nordägäis, geografisch wird sie aber meist zu den ostägäischen Inseln gezählt. 255 km², rund 7.400 Einwohner. Die Insel wurde nach Ikarus benannt, der laut Sage hier ins Meer stürzte, nachdem er Dädalus' Flügelwachs in der Sonnenhitze geschmolzen war.
Geografisch teilt die Bergkette Atheras die Insel in einen fruchtbaren Norden und einen kargeren Süden. Die Thermalquellen in Therma sind etwa 50 Grad heiß und enthalten Schwefel, Radium und Radon — eine seltene Kombination, die Ikaria seit der Antike zu einem Kurort macht. Bademöglichkeiten zwischen Armenistis und Gialiskari, sowie in der Bucht Nas.
Was Ikaria zusätzlich bekannt gemacht hat, ist die statistische Häufung sehr alter Bewohner — die Insel zählt zu den Blue Zones. Im Bergdorf Christos Rachon ist der Lebensrhythmus tatsächlich anders: Geschäfte öffnen am späten Nachmittag und schließen erst nachts. Hauptort ist Agios Kirykos, zweiter Hafen Evdilos. Anreise per Fähre oder Flug aus Athen, Samos, Thessaloniki.
Mehr zur Insel im Beitrag zu griechischen Urlaubsorten, die kaum jemand kennt.
Kleinere Nachbarn: Fourni, Psara, Thymena
Wer noch ruhiger reisen will, findet zwischen den großen Inseln drei kleine. Fourni ist ein Archipel südwestlich von Samos — historisch ein Piratenversteck, heute geschätzt für Fischrestaurants und stille Buchten. Auf der vorgelagerten Insel Thymena leben kaum mehr als 130 Menschen; kurze Fährfahrt von Fourni.
Psara westlich von Chios spielte im griechischen Unabhängigkeitskrieg eine wichtige Rolle (Psara-Massaker 1824) und ist heute ein stiller Rückzugsort. Dionysios Solomos hat dem Ereignis ein Gedicht gewidmet, das jedes griechische Schulkind kennt.
Mehr Hintergrund zu Antike und Mythologie der Region steht im Beitrag zu Antike und Mythologie in Griechenland; zur Anreise per Schiff der Beitrag zu den Fähren.